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Historische Daten sichten: Michael Quelle (Mitte) mit Jutta Wendland-Park und Oliver Kogge

Rotenburger Werke erstellen Datenbank über alle 1940 bis 1944 deportierten Bewohnerinnen und Bewohner

Michael Quelle recherchierte „ungeklärte Verbleibe“

 

Die Rotenburger Werke ließen jetzt als einen weiteren Schritt ihrer Geschichtsaufarbeitung vom Historiker Harald Jenner eine Datenbank zu allen 826 Männer, Frauen und Kindern erstellen, die 1940 bis 44 aus den damaligen Rotenburger Anstalten deportiert wurden. Die Datenbank gibt Auskunft über Geburts-, ehemalige Wohn- und Todesorte der Verlegten. Sie soll Hilfestellung bei Nachforschungen zu Einzelschicksalen geben und die Erinnerungsarbeit unterstützen.

Michael Quelle war von Anfang dabei, als es um eine Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen ging, die unter der beschönigenden Bezeichnung „Euthanasie“ an Menschen mit Behinderung begangen wurden. Seine Staatsexamensarbeit aus dem Jahr 1986 „Die Rotenburger Anstalten 1933-45“ brachten mit den Stein ins Rollen. Wenige Jahre später - im Jahr 1992 -  erschien die Publikation „Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel?“, in der die Verlegungen und Euthanasiemorde an Bewohnern der damaligen Anstalten dokumentiert wurden. Michael Quelle gehörte zum vierköpfigen Redaktionsteam.

 

Michael Quelle besuchte die Vorstandsvorsitzende der Rotenburger Werke, Jutta Wendland-Park, mehr als dreißig Jahre nach dem Beginn seiner Nachforschungen und brachte einen Stapel Papier mit. Wendland-Park weiß um den Wert dieser Arbeit. „Mit Herrn Quelles Hilfe war es den damaligen Anstalten möglich, bereits in den achtziger Jahren ein Zeichen des Gedenkens an Unmenschlichkeit und Mord zu setzen“, sagt sie, und sie meint damit das Mahnmal auf dem Friedhof an der Kirche „Zum Guten Hirten“. Die folgenden Forschungen des Autorenteams dauerten Monate, denn man wollte möglichst viele Schicksale der 1940/41 aus den Anstalten deportierten Frauen, Männer und Kinder recherchieren. Mit den Ergebnissen und dem genannten Buch waren die damaligen Anstalten eine der ersten großen diakonischen Einrichtungen, die sich dem schwierigen Thema offensiv stellte.

 

Bereits 1990 startete die Wanderausstellung „über leben“, die das Schicksal dreier Männer dokumentierte, die den Nazi-Terror überlebten. Heinrich Otte, Oskar Dittrich und Erich Paulicke waren Bewohner der Anstalten, die in der neu gegründeten Bildnerischen Werkstatt künstlerisch sehr aktiv waren und auch Erlebtes und Erduldetes in Bildern zum Ausdruck brachten. Erich Paulicke, der in der Tötungsanstalt Kaufbeuren/Irsee wie durch ein Wunder überlebt hatte, schuf besonders eindrückliche Werke, und ein Gipsrelief von ihm illustriert den Titel des Buches „Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel?“

 

Michael Quelle, der sein Berufsleben als Heilerziehungspfleger in Hamburg verbracht hat, hielt über Erich Paulicke den Kontakt zu den Rotenburger Anstalten, die 1995 in Rotenburger Werke umbenannt wurden. „1992 übernahm ich die gesetzliche Betreuung für Erich“, sagt Quelle „und das war mehr als eine administrative Tätigkeit, das war ein Zeichen der Freundschaft.“ Eine Freundschaft, die bis zum Tod Erich Paulickes im Jahr 2007 hielt. Quelle konnte noch in den Neunzigern für seinen Betreuten eine laufende finanzielle Beihilfe als Opfer des Nationalsozialismus sowie eine Einmalzahlung für erlittenes Unrecht erwirken.

 

„Die Aufarbeitung des Themas ließ mich die ganze Zeit nicht los“, berichtet Quelle. „Als wir die Studien zu ‚Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel?‘ abgeschlossen hatten, wussten wir von mehr als 800 Deportationen aus Rotenburg und konnten belegen, dass in der Folge 547 der verlegten Personen in verschiedenen Anstalten und Einrichtungen im Deutschen Reich starben, in denen durch Nahrungsmittelentzug, Vorenthaltung von Pflege und Medikamentenüberdosierung getötet wurde.“

 

In der Kirche „Zum guten Hirten“ liegt ein Sterbebuch aus, das die Opfer mit Namen, Geburts- und Sterbedatum nennt. Dennoch mussten die Autoren der Dokumentation damals feststellen, dass bei 96 der Verlegten (bei 20 von ihnen war lediglich der Tod nachweisbar) das Todesdatum und der Todesort nicht mehr recherchierbar waren. Verlegungseinrichtungen, die noch während der Kriegszeit aufgelöst wurden, verschwundene Akten, eine teilende Mauer quer durch Deutschland – da war eine Grenze des Machbaren erreicht. „Ungeklärte Verbleibe“ lautet der Terminus der Historiker.

 

„Die heute wesentlich bessere Quellenlage, neu eingerichtete Gedenkstätten und eine insgesamt größere Offenheit für das Thema bewegten mich, ausgehend von der erstellten Datenbank ‚ungeklärte Verbleibe‘ nachzuforschen“, sagt der 63-Jährige, der in Stade lebt. „Ich habe im letzten  halben Jahren zu allen „Ungeklärten“ Anfragen an Archive und Standesämter gerichtet, und konnte so die ungeklärten Fälle nochmals deutlich reduzieren.“ Von den 826 Schicksalen der deportierten Menschen mit Behinderung sind jetzt nur noch 24 ungeklärt, bei einigen von ihnen laufen noch Nachforschungen.

 

Die meisten der „Ungeklärten“ wurden in die Landesanstalt Eberswalde deportiert, die im August 1943 weitestgehend aufgelöst wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt starben 70 der 100 nach dort deportierten Männer aus den Rotenburger Anstalten. In Eberswalde  gab es ein systematisches „Hungersterben“.

Aufgrund der neuesten Erkenntnisse ist jetzt nachweisbar, dass mindestens 562 der Deportierten in Verlegungsorten starben, in denen im Rahmen der „Euthanasieaktionen“  getötet wurde. 123 Kinder und Jugendliche, die in die kirchlichen Einrichtungen Eben Ezer/Lemgo und Bethel verlegt wurden, waren von den „Euthanasieaktionen“ nicht betroffen.

 

Wenn die Vorstandsvorsitzende der Werke, Jutta Wendland-Park, von Gedenken spricht, meint sie nicht nur Monumente aus Bronze oder Stein. „Die Datenbank, die durch die genauen Nachforschungen entstanden ist“, sagt sie, „ist eine ganz konkrete Form von Vergangenheitsbearbeitung, denn sie nennt nicht nur Namen und Daten, sie zeigt Wege und Orte des Leidens und macht Historikern oder auch Angehörigen der Opfer das Aufspüren von Schicksalen möglich.“ Tatsächlich ist das Interesse auch aktuell groß. „Es ist gerade die Enkel-Generation, die in letzter Zeit verstärkt nach Schicksalen und Spuren in der Verwandtschaft sucht“, weiß Michael Quelle, „oder es sind Kommunen und Landkreise, die Stolpersteine im Angedenken an die Opfer verlegen wollen.“

 

„Ich arbeite vertrauensvoll mit Dr. Harald Jenner, dem Historiker der Rotenburger Werke, der die Listen sorgfältig erstellt hat, und mit Oliver Kogge beim technischen Support zusammen. Eine große Unterstützung fand ich bei Archiven, Gedenkstätten und Standesämtern.“ Letztendlich konnte Michael Quelle auch immer auf die Unterstützung der Rotenburger Werk zählen. „Danke für das langjährige Vertrauen und einige hilfreiche Schriftstücke, die bei den Recherchen wertvoll waren“, betont Quelle der Vorstandsvorsitzenden gegenüber. Jutta Wendland-Park kann den Dank nur mehrfach zurückgeben: „Herrn Quelles kontinuierliche Arbeit an diesem Thema ist von unschätzbarem Wert. Erinnerung braucht Beharrlichkeit und manchmal einen langen Atem. Dass Herr Quelle diese Arbeit ehrenamtlich leistet, möchte ich besonders hervorheben.“

 

Ist das Projekt „Aufarbeitung“ nun für ihn abgeschlossen? „Ja“, sagt Michael Quelle, „vorerst jedenfalls.“ Es ergeben sich aber immer noch weitere Spuren, denen ich nachgehen möchte um vielleicht noch einige Verbleibe zu klären, darüber hinaus ist es mir wichtig, im Rahmen von Vorträgen und regionalen Gedenkinitiativen an die Opfer der „Euthanasiemorde“ zu erinnern.“


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Rotenburger Werke 2013Letzte Änderung: 26.05.2017

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